Der Vollmond brach von Zeit zur Zeit durch die schweren Gewitterwolken und tauchte die Landschaft in kaltes, weisses Licht. Die Bäume schimmerten blau und in den Pfützen spiegelte sich der Mond wider. Eine davon explodierte in tausend diamantente Tropfen, als sie hineintrat, ohne darauf zu achten, dass ihre Schuhe schon längst durchnässt waren.
Ihr langes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und klebte nass an ihren Wangen. Ihr Atem ging stoßweise vor Angst und der Anstrengung, denn sie war schon seit Stunden auf der Flucht. Sie musste sich unbedingt ausruhen, doch sie wusste, dass es ihr Ende sein würde. Niemand würde ihr helfen an diesem einsamen Ort.
Hier waren nur sie und ...
Ein Ast knackte. Sie fuhr erschrocken herum, dann war es wieder still. Ihr Herz pochte so wild, dass sie meinte, es werde zerspringen. Sie musste weiter nach Norden, zum Dorf, in dem sie in einem kleinen Hotel untergekommen war. Nur dort konnte sie auf Hilfe hoffen. Wieder ließ sie ein Rascheln im Gebüsch zusammenzucken. Es war ihr also doch gefolgt. Für einen Moment resignierte sie, rannte dann aber den Feldweg am Waldrand entlang weiter.
Der Mond drang wieder durch die Wolken und das wolfartige Heulen schreckte einige Waldtiere auf. Danach schwiegen die Tiere, als ob sie die Bestie witterten, die sich unter ihnen befand und die in dieser Nacht schon zehn Menschen grausam getötet hatte.
Sie wusste nun, dass die Bestie dicht hinter ihr war. Der Suchtrupp, der vom Dorf aufgebrochen war, würde sie nicht mehr erreichen. Verzweifelt fing sie an zu schreien. Das Biest wusste sowieso, wo sie sich befand.
Vor ihr knackten die Äste nun laut, so als bemühe sich ihr Verfolger nicht mehr, sich anzupirschen. Sie sah eine riesige Gestalt, die sich kaum von der Silhouette des Waldes abhob. Ein letztes Mal schrie sie laut auf. Sie dachte an ihre Freunde, die nun zerfetzt, mit abgerissenen Gliedmaßen irgendwo weit weg im Wald lagen.
Die Bestie kam auf sie zu, Geifer tropfte ihr von den Lefzen auf den Boden, sie öffnete ihr Maul und es kamen lange, gebogene Fänge zum Vorschein, welche die Kehle ihres Opfers mit einem Biss herausrissen.

Laaaaaaangweilig!
Susanne schaltete den Fernseher aus. Warum mussten Werwolffilme immer bis zu jenem Punkt spannend sein, an dem man die Bestie dann sah. Zu groß geratene Osterhasen mit Puschelohren! Mein Gott, das war kein Horrorfilm, sondern Puppentheater. Gut, die Splatterszenen waren ok, aber das Blondchen ist dann doch noch im Wald filetiert worden. Eigentlich sind Blondinen sonst immer die Geretteten.
Verägert über die Zeitverschwendung schaute Susanne aus dem Fenster. Vollmond. Wie passend, dachte sie und fragte sich, wie viele Menschen ausser ihr wohl heute nacht nicht schlafen konnten. Den Gedanken, dass dort etwas Finsteres lauern könnte, verdrängte sie schnell wieder. Zu viele Horrorfilme. Sie sollte sich zur Abwechslung mal einen Trickfilm ansehen.
Sie kratzte sich an der Schulter, grübelte, ob es sich lohnt, wenigstens zu versuchen, Schlaf zu finden. Der Arbeitstag morgen würde sonst von Gähnanfällen begleitet werden. Nicht, dass ihr Job besonders anspruchsvoll war, aber sie hatte keine Lust, sich wieder die anzüglichen Bemerkungen ihrer Kollegen anzuhören. Die vermuteten immer gleich eine Massenorgie hinter jedem Gähnen, steigerten sich dann so in ihre Fantasien hinein, bis sie fast über den Schreibtisch sabberten.
Susanne war ja nicht gerade prüde, aber es nervte sie, wenn jemand solche Überlegungen über ihr Privatleben anstellte. Obwohl schon etwas gab, über dass diese Spottdrosseln hätten lästern können. Susannes Gesicht bekam einen leicht verklärten Ausdruck, ihre Augenbrauen verschwanden fast unter ihrem kurzen Pony. Sie seufzte und ermahnte sich, an etwas anderes zu denken als an die Nacht mit dieser unbekannten Schönheit, fasste sich wieder an die Schulter, kratzte sich dort, hörte aber wieder auf als der Schmerz einsetzte. Nichts konnte schlimmer jucken als eine verheilende Wunde.
Wieder wurde sie an die Nacht erinnert. Nur sehr verschwommen, wie ein erotischer Traum, der schon beim Aufwachen zu verblassen beginnt. Was hatte sie eigentlich geritten, mit dieser Frau zu flirten?! Aber sie konnte nicht anders, denn diese Fremde hatte sie in ihren Bann gezogen und so kam es, dass sie in dieser Nacht alle Zurückhaltung aufgab und mit einer Fremden, deren Name sie noch nicht einmal kannte, den besten -vom Admin zensiert- ihres Lebens hatte.
Susanne konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass es jemals heftiger zur Sache gegangen war. Sie hatte Worte geschrien, stöhnte sie, bei denen sie sonst schon vom Gedanken daran rot wurde. Sie ließ sich gehen, trieb dahin vor Lust, von einem Höhepunkt zum anderen, bis sie die Fremde, vor Erregung bebend, in die Schulter biss. Susanne nahm es nur am Rande wahr und stellte erst am Morgen, in ihrer Wohnung angekommen fest, wie tief die Bisswunde eigentlich war.


Sie bekam Gänsehaut, zog fröstelnd den Reissverschluss ihrer Trainingsjacke zu und ging nach nebenan. Das Mondlicht im Schlafzimmer fiel auf das Bett und erleuchtete die Tapeten in kaltem Blau. Susanne begann zu zittern und fragte sich, ob sie sich nicht bei einem ihrer Kollegen mit der im Büro krassierenden Erkältung angesteckt hatte. Dort war es wie im Kindergarten: hatte jemand Viren eingeschleppt, erwischte es einen unweigerlich auch. Ein Kreislauf, der den ganzen Winter andauerte.
Wolken schoben sich vor den Mond und nun erschien das Zimmer in der Dunkelheit noch unheimlicher. Wie kindisch! Ermahnte sich Susanne, streckte energisch den Rücken durch und schmiss ihre Jacke auf den Boden. Sich kroch mitsamt Kleidung unter die Bettdecke, igelte sich zusammen um einschlafen zu können. Nach und nach wurden ihre Gedanken träger, die Wärme des Bettes war angenehm.
Kratzende Geräusche am Fenster rissen sie aus ihrem Dämmerschlaf. Wie ein verstörtes Kind wagte Susanne es kaum, unter der Bettdecke hervor zu schauen. Sie riskierte einen Blick und das Herz blieb ihr fast stehen als sie eine Silhouette erblickte, die versuchte, das Fenster zu öffnen. Sie schrie panisch auf, wollte aufstehen um schnell an irgendein Küchenmesser zu gelangen, aber die Silhouette rammte eine Faust durch das Fensterglas, das sich über das ganze Bett verteilte. Susanne schrie immer noch, hatte sich in der Bettdecke verheddert, stolperte und versuchte aus dem Zimmer zu gelangen. Der Fensterrahmen wurde herausgerissen und ein großer Schatten sprang ins Zimmer hinein, war mit zwei Sprüngen über ihr und ...
Susanne wachte schreiend und schweissgebadet auf. Sie starrte auf das intakte Fenster, ihr Haar stand ihr wirr nach allen Richtungen zu Berge und ihr Atem ging stoßweise. Im Mondlicht konnte sie sich vergewissern, dass alles nur ein Alptraum gewesen war.
Sie schlug die Bettdecke weg und taumelte ins Bad. Sich auf dem Waschbecken abstützend betrachtete sie sich im Spiegel. Keine Wunden, keine Kampfspuren. Alles war in Ordnung. Sie schnaufte. In Ordnung kann man so was nicht gerade nennen! Mit beiden Händen schaufelte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und beschloss, nach einer Dusche, den spärlichen Rest der Nacht lieber in der hellen Küche mit reichlich Kaffee zu verbringen.
So saß sie da, als der Morgen anbrach. Die Tasse in beiden Händen, den kleinen Küchentisch in Richtung Fenster geschoben. Die leisen Geräusche der Nacht wichen und der Tag brachte den Lärm mit sich. So schien es Susanne zumindest. Sie hörte die Müllabfuhr, den Zeitungsjungen, die Hundebesitzer. Alles vermischte sich zu einem Meer aus Tönen, einem Klangteppich, der ihr noch nie so laut erschienen war.
Sie hob den Kopf, drehte ihn etwas zur Seite und lauschte. Sie hörte dutzende Stimmen, ein Geraune, Gemurmel, aber auch klare Sätze, die jemand unten auf der Straße sprach. Sie zuckte verwundert zurück. Dass ihre Wohnung so hellhörig war, ist ihr nie aufgefallen.
Seufzend erhob sie sich, packte ein paar Snacks aus dem Kühlschrank in jene Plastikbox, die sie mit auf die Arbeit nahm. Ihr Blick schweifte über die Schokolade und sie zögerte kurz, nahm dann aber doch die ganze Tafel mit. Schließlich musste man sich ja nach solch einer Nacht irgendwie selbst belohnen.

Der Firmenparkplatz war schon gut gefüllt, so dass Susanne nur ein Platz in der hintersten Ecke übrig blieb. Sie hasste es, morgens über den ganzen Parkplatz zu wandern, während all ihre Kollegen aus den Fenstern glotzten und dabei schon ihre zehnte Zigarette qualmten. Kam sie dann an den Büros vorbei, wurde gestöhnt was das Zeug hielt, denn die Kunden waren schon wieder früh auf den Beinen, oder hatten am Abend Faxe in Buchformat geschickt.
Susanne plumpste auf ihren Bürostuhl, schaltete ihren Rechner und den Monitor an und hoffte, dass sie niemand vor 11 Uhr ansprach. Doch ihre Kollegin und gute Freundin Bettina nahm wie immer keine Kenntnis von Susannes Wünschen, schaute kurz um die Ecke um dann mit einer Tasse Kaffee den morgendlichen Belagerungszustand, auch Plausch genannt, einzuläuten.
Ignorieren half da nichts und so schaute Susanne zu ihr hoch.
„Was gibt’s?“
Bettina machte es spannend, man sah ihr an, dass sie Neuigkeiten hatte, die möglichst schnell verbreitet werden wollten. „Hast Du Dein Radio nicht angehabt?“
Ein mattes „Wieso?“ tat Bettinas Elan keinen Abbruch.
„Die Nacht ist ein ätzender Mord passiert!“
Jetzt reichte es Susanne langsam. „Na und?! Jede Sekunde passiert irgendwo ein Mord!“
„Aber nicht bei Dir in der Straße!“
Jetzt saß Susanne aufrecht im Stuhl und war ganz Ohr. Bettina genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. „Ein Typ, der wohl noch ganz spät mit seinem Hund unterwegs war. Die Nachbarin fand ihn und er war echt übel zugerichtet.“
„Was heisst das nun?“
„Genaues weiss man nicht, aber er soll tiefe Fleischwunden gehabt haben!“
Susanne lehnte sich wieder zurück und murmelte: „Scheiss Vollmond. Nur Irre unterwegs!“

Sie war froh, dass der Arbeitstag halbwegs ruhig ablief und dennoch musste ihre Grafikabteilung wieder Überstunden machen, weil der Anzeigenschluss des Zeitungsverlages kurz bevor stand. Einmal in der Woche wurde die Firma zum Irrenhaus und Susanne kam sich vor, als wäre sie auf einer einsamen Insel gestrandet, umringt von Haifischen.
Als die Daten endlich an die Druckerei geschickt wurden lehnte sie sich zurück um kurz mit ihren beiden Kollegen zu plaudern. Danach gingen alle drei gemeinsam über den Parkplatz zu ihren Autos. Susanne hatte den längsten Weg, aber der Mond leuchtete so hell, dass man hätte Zeitung lesen können.
Susanne ging unwillkürlich schneller, ihr wurde kalt und unbehaglich. Ob der Mörder noch in der Nähe war? Sie schüttelte den Gedanken ab, setzte sich aber mit einem Sprung ins Auto und knallte die Fahrertür laut zu. Herzklopfen. Pochend bis zum Hals hoch.
Die Heimfahrt war kurz und kam ihr trotzdem wie eine Ewigkeit vor. Die entgegenkommenden Lichter blendeten sie, da der aufkommende Nebel das Licht noch mehr streute. Hier und da wabberten schon kleine Nebelbänke über die Felder. Der ideale Hintergrund für einen Horrorfilm! Dachte Susanne und nahm sich vor, in nächster Zeit nur noch Zeichentrickfilme anzusehen.
Sie rannte fast eine ihrer Nachbarinnen um, als sie im Eiltempo um die Hausecke lief. „Haben Sie es schon gehört, Frau Fischer?“ Susanne wusste, dass sie dem Klatsch ihrer Nachbarin nicht entkommen konnte, also hörte sie sich nochmals alle Details des Mordes an, die den ganzen Tag im Radio durchgegeben wurden. Endlich schloss sich die Fahrstuhltür hinter ihr. Sie genoss die Ruhe und seufzte.
Was war das heute bloß für ein Tag?! Jeder machte sie aggressiv und sie musste sich zusammenreissen, um den ein oder anderen Kollegen nicht den Kaffee ins Gesicht zu schütten. Die Wohnungstür riss sie mit einem Ruck auf um sie dann laut ins Schloss fallen zu lassen. Einen Moment stand sie da und lauschte in die Stille der Wohnung hinein. Dann ging sie in die Küche, denn sie hatte trotz Schokolade und Pizza zum Mittagessen einen riesigen Hunger. Ihr Magen knurrte zur Bestätigung.
Aber sie war müde und so schob Susanne kurzerhand ein Fertiggericht in die Mikrowelle. Noch während sie aß, wanderte sie samt Teller ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an. Selbst die Werbung war immer noch besser als diese erdrückende Stille. Sie setzte sich aufs Sofa und legte die Füße auf den kleinen Tisch vor ihr. Kichernd musste sie an ihre Mutter denken. Das wäre jetzt sicher Anlass für eine Lektion in guten Manieren gewesen.
Das Telefon klingelte und sie erschrack dermaßen, dass ihr der zum Glück schon leere Teller aus den Fingern glitt. Entnervt hob sie ihn auf, griff dabei in die Soßenreste und nahm sich vor, ihre miese Laune am Anrufer auszulassen. Sie hob ab.
„Haste gehört, was der Chef vorhin zum Andi gesagt hat?!“
Ehrlich gesagt interessierte es Susanne nicht, aber die Chancen waren gering, Bettinas Wortschwall zu stoppen. Erst als sie alle Firmenereignisse des Tages durch hatte, wechselte sie das Thema.
„Is schon unheimlich heute abend, oder?“
Subtil wie ein Dampfhammer kam Bettina wieder auf ihr momentanes Lieblingsthema zu sprechen. Susanne wickelte gedankenverloren eine ihrer Locken um den Zeigefinger. „Zu dieser Jahreszeit kommt dieser Nebel fast jeden Abend vor! Ist doch nix Besonderes“
„Ja, aber der Nebel war gestern nacht sicher noch heftiger. Kein Wunder, dass sich Verbrecher da wohl fühlen. Oder...“
Was kam da jetzt wohl wieder?! Susanne wurde ungeduldig. „Oder was?“ Blaffte sie ins Telefon.
„Na ja, ich frage mich, was da aus dem Nebel kam und den armen Typen zerfetzt hat.“
„Bettina! Du hast ne zu lebhafte Fantasie. Was glaubst Du denn, was da nachts alles in der Nachbarschaft herum rennt?“
„Was ziemlich Großes.“ Kam es leise zur Antwort.
Dies zeigte Susanne, dass ihre Freundin sich mindestens genauso unwohl fühlte, denn sie wohnte nur ein paar Häuserblocks weiter. Sie nahm sich vor, die Unterhaltung nicht mehr so schroff weiter zu führen. „Ich weiss nicht, was Du meinst? Glaubst Du, irgendeinem Zirkus ist ein Bär oder so was entlaufen? Das hätten die schon längst in den Nachrichten gebracht.“
„Eben!“ Rief Bettina trotzig aus.
„Mädchen, muss ich Dir die Würmer aus der Nase ziehen?“ Susannes guter Vorsatz hielt nicht lange.
Bettina druckste herum. „Ach, Du kennst ja diese ganzen Legenden vom Vollmond und so. Vielleicht ist da wirklich was dran?“
Susanne hielt sich erstaunt den Hörer etwas weiter weg, als traute sie ihren Ohren nicht. „Sag mir jetzt nicht, dass Du Werwölfe und den Horrorscheiss meinst, den wir uns dauernd aus der Videothek holen?“
„Man kann es ja mal in Erwägung ziehen, oder?“ Bettinas Stimme klang nun verärgert.
Susanne versuchte, sie zu beschwichtigen. „Kann man, aber was bringt das? Das ist so, als würdest Du sagen, dass da draussen Jack the Ripper herumschleicht! Beides ziemlich unwahrscheinlich.“
„Du hast ja Recht.“ gab Betinna klein bei. Sie waren beide müde und entschlossen sich, das Gespräch auf einen anderen Tag zu legen, an dem sie weniger reizbar waren. Trotzdem verstärkte sich Susannes Unruhe, als sie den Hörer hinlegte.
Werwölfe! In Wiesbaden! Na klar! Sonst noch was?!
Sie schnaufte verächtlich und schüttelte den Kopf. Schwachsinn!
Sie schob es auf ihre Müdigkeit, dass ihr solche wirren Gedanken durch den Kopf gingen. Es wurde Zeit, ins Bett zu gehen um wenigstens heute mal etwas Schlaf nachzuholen. Zuvor musste jedoch das Schlafzimmer kurz gelüftet werden. Susanne öffnete das Fenster, sah zum Fenstersims hinunter und sprang mit einem Schrei des Entsetzens zurück.
Alle Blumenkästen waren heruntergefallen und auf dem Sims lag nur noch etwas Erde.
 
Panik war für das, was nun durch Susannes ganzen Körper schoss, eine eher tiefstapelnde Umschreibung. Ihr Herz pochte bis zu den Halsschlagadern hoch wie ein Vorschlaghammer und die Gänsehaut kroch ihr unter die Kleidung.
Sie taumelte ein paar Schritte rückwärts, bis sie gegen den Kleiderschrank stieß, rang nach Luft und drohte, zu hyperventilieren. Ihre Augen starrten geweitet auf das Fenster. Sie brauchte ein paar, ihr wie eine Ewigkeit vorkommende, Minuten um ihre Nerven zumindest wieder so weit zu kontrollieren, dass sie nicht drohte, am Schrank entlang zu Boden zu rutschen. Mit immer noch weichen Knien tastete sie sich langsam zum Fenster hin. Sie musste einfach Gewissheit haben, dass dort draussen nichts auf sie lauerte.
Susanne beugte sich langsam über das Fensterbrett, sah nach allen Seiten und dann auf dem Boden ihre Blumenkästen liegen. Das würde sicher einen gehörigen Anschiss vom Hausmeister geben, aber zum Glück hatten die Kästen nur einen spärlichen Grünstreifen erwischt. Wenn sie schnell runterging und ihre Kästen einsammelte, würde vielleicht keiner den Schaden bemerken?
Bis jetzt hatte sie noch keiner darauf angesprochen, also war es sicher auch noch niemandem aufgefallen.
Allein beim Gedanken, jetzt da draussen in der trüben Nebelsuppe nach ihren Blumenkästen zu suchen, ließ ihren Magen zusammenkrampfen. Die Nachbarschaft war in gelbes Licht der Sparlampen getaucht, welche die Stadt nun überall als Energiesparmaßnahme in der Straßenbeleuchtung verwendete, die aber den Bürgersteig kaum ausleuchteten.
So wie gestern Abend! Schoss es Susanne durch den Kopf. Sicher war es da auch so nebelig. Was zählte mehr, 4 Minuten Angst oder ein gehöriger Anpfiff des Hausmeisters, der sicherlich dreimal so lange dauern würde?
Sie seufzte, ging zum Nachttisch und holte dort ein langes Klappmesser hervor, das dort immer griffbereit lag. Die Klinge sprang mit einem Knopfdruck aus dem Schaft und war gut und gerne 15 Zentimeter lang. Susanne klappte die Klinge wieder ein und wühlte nun eine Taschenlampe aus der Schublade.
Mein Gott, das ist ja wie bei einer Dschungelexpedition! Sie kicherte leicht hysterisch vor sich hin, steckte sich beide Sachen in die tiefen Hosentaschen. Sie fühlte sich etwas sicherer und schlüpfte leise durch ihre Haustür. Nicht, dass sie jetzt noch erwischt wurde! Sie schlich die zwei Stockwerke hinunter durchs Treppenhaus, zögerte kurz, als sie die Eingangstür öffnen wollte, holte tief Luft und trat ins Freie.
Nichts wie los! Sagte sie sich zum Ansporn und trabte um die Häuserecke auf den Rasen. Hier kam selten jemand vorbei, da der Hausmeister es nicht gerne sah, wenn jemand die Abkürzung über seinen heiligen Rasen nahm.
Eine Taschenlampe brauchte Susanne nicht, denn gut erkennbar lagen 10 Meter vor ihr die Kästen. sie rannte hin und versuchte, sich beide Kästen unter einen Arm zu klemmen um notfalls eine Hand frei zu haben.
Hinter ihr raschelte es laut in einer Hecke. Susanne ließ die Kästen fallen und fuhr mit einem leisen Schrei herum. Blätter bewegten sich im Dickicht deutlich sichtbar hin und her. Es knurrte leise und Susanne schmiegte sich mit angehaltenem Atem an die Hauswand.
Scheisse, das ist ES! Schoss es ihr durch den Kopf. Sie tastete nach ihrem Messer, brauchte aber lange bis ihre zitternden Finger den Knopf fanden und die Klinge heraussprang.
Wieder knurrte es leise und das Rascheln hatte nun fast den Punkt erreicht, an dem Susanne stand. Starr vor Angst erwartete sie, dass sich die Hecke teilte und etwas Riesiges daraus hervortrat. Doch das Wesen, was sie nun erblickte, sah mit dreckverschmierter Schnauze zu ihr hoch und hielt triumphierend einen Knochen im Maul.
“Toby, Du kleiner Stinker!” entfuhr es Susanne, als sie den kleinen Terrier ihrer Nachbarin erkannte. Ihre Nerven streikten und sie rutschte an der Wand entlang auf den Boden. Ihr hysterisches Lachen glich eher einer Mischung aus langsamen Durchdrehen und bevorstehendem Heulkrampf. Nur Toby hatte dafür kein Verständnis, denn immerhin hatte er seinen Schatz gehoben und wollte diesen auch mit niemandem teilen. Also knurrte er nochmal zum Abschied und trollte sich dann in Richtung Eingangstür. Dort stand schon sein Frauchen und rief seinen Namen.
Närrin! Sie schimpfte über ihre dumme Angst, rappelte sich auf und griff wieder nach den Blumenkästen. Mittlerweile war sie schweissgebadet und ihre Haare klebten ihr nass an der Stirn. Es wurde sehr hell, als der Vollmond durch die Nebelschwaden trat und ohne es zu wollen blickte Susanne hoch. Seine ganze Pracht würde der Mond erst morgen nacht zeigen, doch schon jetzt übte er eine seltsame Wirkung auf sie aus.
Ihr Herzschlag beruhigte sich und sie sah sich in der Dunkelheit um. Der Parkplatz, der Spielplatz, das alles war deutlich zu erkennen, als trüge man ein Nachtsichtgerät. Vor lauter Faszination vergaß sie, sie zu beeilen. Die Geräusche der Nacht wurden lauter, kleine Tiere schlichen durch das Gebüsch, wurden zur Beute, versuchten, sich zu verstecken. Die Nachbarn unterhielten sich vor dem Fernseher über das miese Abendprogramm.
Am Ende der Straße nahm sie einen Schemen wahr, der leicht gebeugt auf sie zu kam. jemand, der wohl auch ungerne hier draussen ist und den Kopf einzieht sagte sich Susanne. Energisch packte sie sich die Kästen fest unter den Arm und ging schnell auf die Haustür zu. Mit einem Seufzer der Erleichterung schloss sich die Eingangstür hinter ihr. Susanne stolperte in den Fahrstuhl, denn sie fühlte sich nicht mehr in der Lage, noch einen Meter zu gehen. Ihre Knie zitterten trotz der Tatsache, dass sich ihre Nerven wieder etwas beruhigt hatten.
Der Schlüsselbund scheuerte leise klimpernd über die Tür, als sie versuchte, das Schloss zu treffen, aber sie zitterte so sehr, dass sie mehrere Versuche brauchte, zumal sie nur eine Hand frei hatte. Als sich auch diese Tür hinter ihr schloss fühlte sie sich das erste Mal wieder sicherer, sie ging zum kleinen Balkon und stellte dort ihre Blumenkästen ab. Zum Glück hatte sie keiner gesehen und die Erde könnte ja schließlich auch vom kleinen Terrier stammen, der sich gerne mal wie ein Maulwurf durch die Erde wühlte. Sie ließ sich wieder auf ihr Sofa fallen und schloss die Augen. Was für ein Tag! Schließlich schlief sie erschöpft ein.
Draussen auf dem Bürgersteig sah der Schemen hoch zum Mond und knurrte laut.

Susanne lag auf dem Bett, ihr Herzschlag hatte sich beruhigt und sie schimpfte innerlich mit sich, eine solche Angst empfunden zu haben, als sie eben die runtergefallenen Blumenkästen holen ging. Hysterie war nie etwas, das ihr entsprach, aber seit einiger Zeit gingen die Stimmungen öfter mal mit ihr durch. Sie hatte früher nie angstvoll auf dem Parkplatz um sich geblickt und nun vermutete sie hinter jeder Ecke einen Mörder. Schwachsinn! Diese Gerüchte und der Mord nagten an ihren Nerven. Sie wischte ihre Bedenken beiseite, stand auf und versuchte, die Blumenkästen wieder auf der Fensterbank zu befestigen.
Die Gestalt im Nebel beobachtete sie, als das Fenster aufging und Susanne zu hantieren begann. Das große Wesen überquerte die Straße und duckte sich hinter Büschen, so dass es von allen Seiten gut versteckt war. So harrte es aus, bis der Morgen graute.

Susanne hatte einen schlechten Morgen. Es ging ihr nicht gut, ihr wurde dauernd übel und die Kopfschmerzen hatten mittlerweile von leicht nach höllisch gewechselt. Der Schlaf war unruhig gewesen und als sie vor das Haus trat, schmerzte ihr das Sonnenlicht in den Augen.
Für ihre Kollegen sah es nach einem riesigen Kater aus und Susanne ließ sie in dem Glauben um dumme Fragen zu vermeiden. Sie fühlte sich den ganzen Tag über, als hätte sie eine Nilpferdherde überrannt und war heilfroh, als der Abend dämmerte und der Schmerz in den Augen langsam nachließ.
Die Narbe juckte wieder unerträglich und sie kratzte sich so ungeduldig und heftig, dass die Haut aufging. Susanne sprang auf und fluchte. Durch das Hemd sickerte Blut. "Verdammter Mist" Dadurch wurden leider ihre Kollegen auf sie aufmerksam. Den ganzen Tag hatte sie ruhig auf ihrem Platz verbracht und nun rannte sie aus dem Büro in den Flur und von dort auf die Toilette.
Sie öffnete ihr Hemd und begutachtete den Schaden im Spiegel über dem Waschbecken. Es konnte doch nicht sein, dass durch ein wenig Kratzen die ganze Wunde wieder aufriss?! Verzweifelt tupfte sie das Blut mit Toilettenpapier weg.
Die Tür wurde aufgerissen und ihre Freundin drängte sich in den engen Waschraum. "Ach Du Scheisse!" Ihre großen Augen verrieten Susanne, dass der Schaden doch größer war, sie winkte jedoch ab, während sie mit der anderen Hand den Tupfer aus Toilettenpapier auf die Wunde presste.
"Kann halt mal passieren. Ich habe die Kruste aufgekratzt."
Bettina blickte sie ungläubig an. "Das sieht eher aus, als hätte dich ein Tiger angefallen!"
"Quatsch! Ich hätte die Pfoten davon lassen sollen, das ist alles." Es war ihr unangenehm. Doch langsam bekam ein anderes Gefühl die Oberhand: Panik. Es war zuerst nur eine Wahrnehmung am Rande, aber Susanne merkte, dass etwas ihrer Kontrolle entglitt. Sie schmiss den Tupfer in den Mülleimer, ließ ihre Freundin stehen und machte für heute Feierabend.

Da war er wieder, dieser elende Nebel! Eigentlich war der Herbst ihre liebste Jahreszeit, aber in den letzten Tagen verfluchte sie ihn. Die entgegen kommenden Scheinwerfer blendeten sie, so dass sie die Augen zusammenkniff. Zum Glück konnte sie in der Nähe ihres Hauses parken, die Straßenbeleuchtung schien auf halbem Weg von der Glühbirne bis zum Boden irgendwo im nebeligen Nichts zu verschwinden.
Susanne rannte zu ihrer Haustür, sah sich wie immer zehn Mal um, bevor sie die Haustür mit zitternden Fingern aufschloss. So langsam konnte sie sich nicht mehr ausreden, dass sie mit ihren Nerven am Ende war. Sie konnte noch nicht einmal genau sagen, warum und schmiss ihre Tasche in den Flur, um sich der Wunde zu widmen. Hastig kramte sie Desinfektionsmittel und Mullbinden aus dem Regal unterm Waschbecken, schob den Hemdkragen beiseite und betrachtete die Wunde in aller Ruhe. Sie war aufgerissen wie eine Ackerfurche.
Susanne tupfte vorsichtig mit einem Teil des Verbandszeuges, der mit Jodsalbe getränkt war, dagegen, zuckte vor Schmerz zusammen, fluchte und biss die Zähne zusammen. Sie verklebte die Wunde großzügig, zog ihr Hemd aus ging geradewegs ins Schlafzimmer, ließ sich aufs Bett fallen und schlief ein.

Gegen Morgen wachte sie aus einem unruhigen Schlaf auf. Schweiss rann ihr durch das Haar die Schläfen hinab. Die Wunde hatte aufgehört zu schmerzen und als Susanne im Badezimmer vor den Spiegel trat um diese zu versorgen stolperte sie mit einem entsetzten Schrei rückwärts gegen die Wand.
Die Wunde war nur noch eine feine Narbe.

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